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Sie waren Teilnehmer an einem Forschungsprojekt. Es sollte die Wirksamkeit eines neuen Programms zur Behandlung von chronischem Rückenschmerz untersucht werden. Frisch geduscht, etwas abgekämpft aber schwatzend und lachend wie eine pubertierende Schulklasse kamen sie gleich im Pulk. Erwachsene Frauen und Männer, die am Vormittag in Kraftmaschinen geschwitzt hatten. Im Ausdauertraining hatten sie nicht nur einige Runden Schwimmen absolviert, sondern ein hartes Konditionstraining durchhalten müssen. Jetzt, nach dem Mittagessen, wurde nicht weniger von ihnen verlangt. Ich freute mich, sie zu sehen und bewunderte ihren Mut. Ich war auch dankbar. Sie hatten uns vertraut und allen Bedenken getrotzt. Kopfschütteln der Familie und Kollegen ertragen und ihre eigenen Ängste im Ambulanzsekretariat abgegeben. Seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten, hatten sie schwerste Rückenschmerzen; sie waren nicht selten operiert, wo man besser nicht operiert hätte. Sie hatten im Schlamm aus der Eifel gelegen und so manchen Kurpark durchwandert; in ihrer Heimatstadt kannten sie viele Arztpraxen von innen; zuletzt meinten sie von den hochgezogenen Augenbrauen der Arzthelferinnen den stummen Seufzer ablesen zu können „ oh, nicht der (oder die) schon wieder! „ . Der Arbeitsplatz war in Gefahr, einige hatten schon notgedrungen die Rente eingereicht, weil die Krankenkasse nicht mehr zahlte. Verzagtheit, Wut, Resignation beherrschten Herz und Verstand.
Als wir ihnen vor Wochen unser Programm vorstellten, wollten die meisten wieder gehen. Sie, die froh waren, wenn sie die Treppe zur Wohnung bewältigt hatten, denen auch die beste Matratze keinen erholsamen Schlaf verschaffte, sollten ein Kraft- und Ausdauertraining absolvieren, dazu ein ausgeklügeltes Arbeitsprogramm durchlaufen, das sowohl berufliche Tätigkeiten als auch Hausarbeit simulierte. Sie hätten nichts sagen müssen, man sah ihnen an, dass sie uns für völlig überdreht hielten. Als auch noch Psychotherapie als ein Behandlungsbaustein auftauchte, äußerten sie ihr Befremden eindeutig: Noch hatten sie es nur im Rücken und nicht im Kopf! Wieso jetzt Aktivität als Wunderdroge, wo bislang alle Ärzte neben Spritzen, Bädern, Pillen und Massagen dringend Ruhe und Schonung gepredigt wurde.
Nicht nur das! Sie hatten doch am eigenen Leibe gespürt, dass jede körperliche Anstrengung Schmerzverstärkung zur Folge hatte und deswegen ihre Aktivitäten auf das Nötigste beschränkt. Ich wusste, was sie dachten, hatte es in Gesprächen immer wieder gehört. Wenn nicht »die Bandscheibe" ins Feld geführt wurde, dann war „Verschleiß" die schulterzuckend gemurmelte Diagnose ihres Doktors, als er mit dem Finger auf ihre röntgensdurchsichtige Wirbelsäule tippte.
Welch vernünftiger Mensch würde etwas, was verschlissen war, mutwillig belasten? Die Hausfrauen unter ihnen kannten Omas leicht verschlissene Leinendecke, die trotz Feinwaschmittel mit jeder Wäsche ein bisschen brüchiger wurde. Kurz und gut: die verschlissene Wirbelsäule war doch eine Tatsache, was sollte Aktivität daran ändern? Nichts, im Gegenteil „Sport ist Mord „, im Rollstuhl würden sie landen!, so ihre einhellige Meinung.
Und was sollten die Kollegen oder die Familie denken, wenn sie denen erzählten, dass sie in Fitnessgeräten und Kraftmaschinen trainieren sollten, wo sie seit Monaten arbeitsunfähig waren oder die Hausarbeit nur noch mit Hilfe der Schwiegermutter bewältigen konnten. Und dann auch noch Psychotherapie! „Ich hab doch keine Macke, die Psychos sind doch selber nicht ganz klar !", machte sich ein Teilnehmer entrüstet Luft, die anderen nickten.
Eine heikle Situation war entstanden, Feindseligkeit atmete heftig durch den Raum. Mit der Eröffnung, sie sollten an einer Psychotherapiegruppe teilnehmen, waren wir an dem berühmten wunden Punkt angelangt.
Hatten sie in letzter Zeit nicht alle schon mal das Gefühl gehabt, die Ärzte hielten sie für Simulanten? Warum fragten die sonst plötzlich nach Schwierigkeiten im Beruf oder zu Hause? Ob's mit dem Sex noch klappte und so. Bei den Schmerzen ist doch Sex das letzte, an was man denkt! Die Schmerzen waren jedenfalls nicht eingebildet! Basta!
Das glaubten wir auch nicht. Ich versuchte zu erklären, dass ich als Psychologin durchaus nicht für "eingebildete Kranke oder andere „Verrückte zuständig war. Mein Thema sei das Erleben und Verhalten von ganz „normalen'' Menschen, sofern es die überhaupt gibt. Mich interessierte, was unsere Wahrnehmung, unser Denken und Fühlen beeinflusst und wie alles zusammen den Körper auf Trapp bringt.
Mich interessierte, wie wir wann was lernen und warum vergessen.
Warum lässt Ablenkung den Schmerz verschwinden und warum tun wir uns so schwer, uns selbst zu stechen?
Wie schaffe ich es, dass mir beim Gedanken an den Zahnarzt plötzlich gar nichts mehr weh tut? Und, und ...
Es sei also durchaus keine „Macke" nötig, um mit der Psychologie in Berührung zu kommen. Unser Team war in dieser Zeit, ich muss es leider sagen, insofern „fein raus", als unsere Patienten, wie man im Medizinerjargon sagt, „austherapiert" waren.
Unser Programm war ihre letzte Chance und da schluckten sie die Kröte „Psychologie". Das Leben ist eben nicht immer gerecht. Jetzt sind wir schon in der 18. Therapiestunde und haben herauszufinden versucht, inwieweit Gedanken, Gefühle, Erwartungen, Hoffnung aber auch Wut und Verzweiflung Schmerzen beeinflussen. Wir haben nach Situationen gefahndet, in denen Schmerzen verstärkt auftraten oder wie von Zauberhand verschwanden, wo der Schmerz geholfen hat, Konflikte nicht lösen zu müssen, wann war der Schmerz ein Kumpel gewesen und hat geholfen, etwas zu bekommen, was sonst nicht zu erreichen war?
Sie machten es mir ganz schön schwer. Sie waren ja auch Schmerzexperten und hatte ihre eigenen Theorien. Wir hatten lebhafte Diskussionen an der sich fast alle beteiligten. Einer nicht!
Manfred, ein 46 jähriger Mann, schlank. Obwohl er relativ groß war, wirkte er durch seinen leicht nach vorne gebeugten Oberkörper und die hochgezogenen Schultern kleiner. Er war leitender Angestellter in einem mittelständigen Betrieb, seit 11/2 Jahren krank geschrieben, das heißt kurz vor dem Ende der Krankengeldzahlung. Verheiratet. Er war von einer unauffälligen Fürsorglichkeit. Mir war aufgefallen, dass er Stühle für die Gruppe zurechtrückte und Türen aufhielt. Während der Sitzungen signalisierte seine Mimik Aufmerksamkeit, auf seine Gefühle war allerdings nicht zu schließen, er beteiligte sich mit keinem Wort an irgendeinem Gruppenthema.
Ich ließ ihn in Ruhe, niemand muss müssen, ist meine Devise. Ein aufmerksamer Zuhörer kann durchaus auch von der Gruppe profitieren.
Unsere Stunde begann mit der üblichen „Was hat mich seit gestern beschäftigt - Runde "; es war häufig so, dass unsere Diskussion oder ein Rollenspiel vom Vortag seinen Nachklang entfaltete und das Gespräch wieder aufgenommen wurde, manchmal waren wir der Lösung eines speziellen Problems auch noch kein Stück näher gekommen und unsere Gehirne hatten unaufgefordert weiter gearbeitet und Ideen gesammelt. In die geschwätzige, Stühle-rückende Unruhe hin sagte Manfred ohne Vorwarnung „Ich möchte etwas sagen"! Noch bevor ich irgendeine Äußerung machen konnte, kam es aus ihm herausgestürzt: " Ich wollte Euch sagen, dass mein Schweigen nichts mit Euch zu tun hat. Mein Sohn ist tot, er hatte einen Unfall mit seinem Moped, in einer Kurve, gegen die Leitplanken, war so fort tot. Meine Frau kommt da besser mit zurecht, in unserem Dorf sind schon zwei Jungs durch Unfall umgekommen, auch im Nachbardorf, ich weiß nicht, was ich tun soll, mein Sohn ist tot, ja auch im Nachbardorf, - auch der " und, und, und.
Ich erinnere nicht mehr, wie viel verunglückte Kinder aufgezählt wurden. Es schien so, als habe er Verkehrsunfallberichte der letzten Zeit in sich gespeichert und müsse nun alle Opfer auf einmal nach außen bringen.
Wir saßen mit angehaltenem Atem.
Ich merkte, wie meine Professionalität in Gefahr geriet. Auch andere Gruppenmitglieder hatten Tränen in den Augen oder suchten nach Fassung. Dieses unerwartet über uns gekommene Grauen, der komprimierte Schmerz nahm uns jegliche Lebendigkeit. Dieser Sturzbach von Unglück und Leid, herausgestoßen mit einer hastigen Stimme ohne Klang und jede Gefühlsregung machte nicht nur mich schockgefroren. Wir waren innerhalb von Minuten zu seinem Spiegelbild geworden.
Ich sprach darüber, was sein Bericht in mir ausgelöst hatte und ich fragte ihn, ob wir weiter darüber sprechen sollten. „Wenn die Anderen nichts dagegen haben?" Die Anderen nickten zustimmend, sein Nachbar legte ihm wortlos die Hand auf die Schulter. Ich brachte das Gespräch auf die unterschiedliche Bewältigung des Elternpaares und fragte Manfred, woran er festmachen würde, dass seine Frau mit dem Tod des Jungen besser zurecht komme. Möglicherweise konnte hierin ja auch ein Ansatz liegen, den wir für ihn nutzen konnten. Er wusste es nicht.
Und er berichtete uns, dass seine Frau schon im ersten Trauerjahr ihre Tätigkeiten im örtlichen Sportverein wieder aufgenommen hatte. Sie sei Gymnastiklehrerin und sie leitete dort eine Mädchengruppe. Gleichzeitig sei sie Schatzmeisterin. Dann sänge sie noch im Gospelchor ihrer Kirchengemeinde, halbtags sei sie im Gemeindebüro tätig. Sie hätte ihn immer wieder gebeten, wenigstens in den Verein mitzukommen, da er früher die Volleyball Mannschaft trainiert hätte. Manchmal hätte er schon gewollt aber wegen der Schmerzen, die immer schlimmer geworden wären, sei das unmöglich gewesen.
Sie ging auch jede Woche zum Grab, er war seit der Beerdigung nicht mehr dort gewesen. Als er das sagte, hatte ich plötzlich eine Idee zu seinen Beschwerden. Er mied die Begegnung mit seinem Kind. Konnte es nicht sein, dass er beim Tod des Sohns quasi vor Entsetzen erstarrt war? Sagt man nicht, dass jemand starr vor Schreck ist? Seine Lebensfunktionen waren auf ein Mindestmaß eingestellt. Wenn Menschen ihre Gefühle nicht mehr durch Worte oder Handlungen ausdrücken können muss der Körper die Sprache übernehmen.
Normalerweise entspannt sich die Muskulatur nach der berühmten Schrecksekunde, so dass Bewegungen in Richtung Angriff oder Flucht wieder erfolgen können. Das war bei Manfred nur in Maßen möglich, er funktionierte nur noch irgendwie, trug sein Kreuz. Ohne Schaden zu nehmen kann so eine Dauerbelastung nicht lange aufrechterhalten werden. Der Körper beginnt zu schmerzen und das zumeist an seiner schwächsten Stelle. Bei Manfred war der Rücken seine schwächste Stelle.
Aber unabhängig von körperlichen Vorgängen übernahmen die Schmerzen noch andere Funktionen. Sie sprachen von seinem großen Kummer, hinderten ihn, ins Leben zurückzukehren, in ein Leben ohne sein Kind.
Ich atmete tief durch. Mein Kopf und mein Herz wussten: durch seine Mitteilung an uns war Manfred der erste Befreiungsschritt gelungen. Er hatte seine Sprache wiedergefunden, die Gefühle würden sich in Worte kleiden lassen und der Körper konnte Ruhe finden.
Autorin: Carmen Franz
Friedrich war ein kleiner, stämmiger Mann. Auffallend war sein klares Landgesicht mit einem wettergefärbten Teint, in den Falten auf der Stirn waren helle Linien gezogen.
Er begrüßte mich mit einer warmen, rauen Hand.
Er war wegen „atypischer Gesichtsschmerzen" zu uns in die Ambulanz geschickt worden. Ein pompöser Name für eine Diagnose, die schlicht bedeutet, dass eben keiner so genau weiß, woher die Schmerzen kommen — es kann dieses oder genauso gut jenes sein". Eine typische Diagnose, mit der Patienten zu Psychologen geschickt werden. Dahinter steckt die Vermutung, dass es etwas „Psychisches „ sein muss, wenn »Organisches" nichts zu entdecken ist.
Nach den üblichen Fragen zu seinen Beschwerden, wollte ich mehr über Friedrichs Leben erfahren, um den Schmerz möglicherweise aus psychologischer Sicht in einen Sinn machenden Lebenszusammenhang stellen zu können. Er erzählte mir, dass er auf einem Gutshof aufgewachsen sei, auf dem seine Familie seit Generationen als Knechte und Mägde gelebt hatten „Wir gehörten dazu wie das Vieh, nur wenige sind vom Hof weggegangen", war sein lapidarer Kommentar.
Er hätte allerdings gerne in der Landwirtschaft gearbeitet und keinen Drang nach draußen verspürt.
Wie offenbar üblich für die „Knechtskinder", war sein Schulbesuch den Bedürfnissen des Gutshofes angepasst. Er hat dennoch einen regulären Schulabschluss.
Da er eine besondere Vorliebe für die Schweinezucht entwickelt hätte, hätte er sich auf diesem Gebiet durch Schulungen spezialisieren dürfen. So sei er fast 40 Jahre für die Schweine des Gutes verantwortlich gewesen. „Meine Tiere waren mein Leben. Ich war mit Leib und Seele ‚Schweinemeister“. Ich erfuhr weiter, dass für Friedrich und die anderen Angestellten mit dem Tod des alten Gutsherrn nicht nur die demokratieverzuckerte Leibeigenschaft, sondern auch das bisherige Arbeitsleben endete. Der „junge Herr" übernahm das Erbe. Er wollte die Landwirtschaft nicht weiterführen und stattdessen aus dem schlossähnlichen Gutshof ein Hotel machen. Friedrich wurde angeboten, im Hotel zu arbeiten. „Was hätte ich dort wohl tun sollen?“ Ihre gutseigene Wohnung sei auch schon verplant gewesen. Der „junge Herr" hätte ihnen allerdings Ersatz im Dorf angeboten.
Friedrich erlebte die Geschehnisse als eine Vertreibung aus seinem Paradies; er hätte nicht fassen können, dass er mit einemmal Arbeit und Heimat verlieren sollte.
Auf meine Frage nach Gegenwehr hörte ich nur „dazu bin ich nicht erzogen".
„Ich war wie gelähmt und wollte das Ganze nicht wahrhaben bis plötzlich der Viehhändler vorfuhr und die Tiere holte. Als alles erledigt war, bin ich in den Stall gegangen und hab E 605 geschluckt".
Ich musste ihn wohl sekundenlang mit offenem Mund angestarrt haben, er lächelte mir zu und berichtete, dass seine Frau ihn kurze Zeit später gefunden hatte, als sie ihn suchte, weil er nicht zum Essen kam.
Da lob ich mir doch einen geregelten Tageablauf!
Im Krankenhaus sei es ihm einerseits relativ gut gegangen, weil er keine großen Schäden davongetragen hatte, andrerseits wäre er lieber tot gewesen, weil er keine Zukunft für sich gesehen hätte. Der „junge Herr" sei dann gekommen und habe ihm ein Häuschen mit etwas Land am Dorfrand für eine geringe Pacht angeboten, zudem noch eine Abfindung.
„Es täte ihm so leid - was der alles geredet hat. Ich hatte keine Lust, mir das alles anzuhören und wollte eigentlich von ihm nur in Ruhe gelassen werden. Als der weg war, hat meine Frau aber mit mir geschimpft und mir klar gemacht, dass er uns wie ein Stück Dreck behandelt hat und eine Entschädigung nur gerecht wäre. Ich habe das Angebot auch ihretwegen schließlich angenommen."
Langsam habe er sich in die neue Situation eingelebt, er hätte sogar schon ein paar Hühner und Karnickel, so ganz ohne Tiere könne er sich ein Leben nicht vorstellen. Wenn er es genau bedenke, hätte das Ganze ja auch etwas Gutes gebracht, die Arbeit auf dem Gut hätte seit der Kindheit nie ein Ende gehabt, vieles sei zu kurz gekommen. Jetzt sei er sogar zum ersten Mal im Leben eine Woche in Urlaub gewesen. Trotz der Schmerzen könne er schließlich auch froh sein, gesundheitlich so gut davongekommen zu sein. Seine Frau meinte ja, er sei ein ganz anderer Mensch geworden – manchmal glaube er das auch. Mit dieser auch für mich tröstlichen Feststellung schloss er seinen Bericht.
Einige Wochen später erzählte ich die Geschichte einem Kollegen. »Na, das ist ja ein gefundenes Fressen für Psychologen und Psychotherapeuten" lachte er. Welch eine Symbolik! Da versetzt ihm der „junge Herr" durch die überraschende Auflösung der Landwirtschaft, die sein Lebensinhalt und seine Lebensgrundlage war, einen ‚Schlag ins Gesicht' und einige Zeit später tritt der Gesichtsschmerz auf. Nichts „Organisches" wird gefunden, wenn das nichts „Psychisches ist!!"
Bevor wir beide unserer Deutekunst freien Lauf ließen, berichtete ich ihm von Friedrichs ganz unspektakulären Wunderheilung.
Ich hatte Friedrich ein Entspannungstraining angeboten, damit er seine angespannte Nacken und Gesichtsmuskulatur systematisch lockern konnte. Wie wir schon wissen ist Schmerz selber, unabhängig von seiner Quelle, extremer Stress, der immer mit einer Muskelanspannung verbunden ist, die schmerzhaft werden kann.
Während dieser Trainingsstunden waren wir auch über Gott und die Welt ins Gespräch gekommen und mein „von Anfang an Gefühl" hatte sich verstärkt.
Wir mussten uns auf die Suche nach was „Organischem” machen.
Monate zuvor war ein Zahnmedizinprofessor an die Fakultät gekommen, dessen Interesse den Kiefergelenken galt. Er hatte sich und seine Arbeit bei uns in der Ambulanz vorgestellt. Weil Patienten mit unklaren Gesichtsschmerzen häufig zu uns kamen und die Therapie selten von Erfolg gekrönt war, hatte ich besonders aufmerksam dem Zusammenhang von Kiefergelenk und Gesichtsschmerz zugehört.
Ich war mir nun sicher, dass er für Friedrich die richtige Anlaufstelle sein würde.
Ich hatte mich nicht geirrt!
Autorin: Carmen Franz
Frau P. (54 Jahre), verheiratet, leitende Sparkassenangestellte, 3 Kinder, 2 Enkelkind und Schmerzpatientin seit 38 Jahren.
Im Alter von 15 Jahren nimmt Frau P. an einem Ausflug der Schule teil. Insgesamt 63 Kinder zweier Abschlussklassen und 5 erwachsene Begleiter unternahmen eine Fahrt mit einem Sonderzug der Bahn. Auf einem eingleisigen Bahnabschnitt prallt der Schienenomnibus mit voller Wucht gegen einen entgegenkommenden Güterzug, der fälschlicherweise auf dies Gleis geleitet worden war.
Bei diesem Bahnunglück starben 41 Kinder und 5 Erwachsene, 21 Kinder überlebten schwerstverletzt.
Darunter auch die heute 54 Jahre alte Frau P. Sie erlitt bei diesem Unfall einen Beckenbruch mit Luxation, einen Brustwirbelbruch, eine Hirnprellung und mehrere weitere äußere Verletzungen. Wegen einer Verwechslung mit der ähnlich aussehenden Freundin galt sie 3 Tage als tot. Der ganze Ort stand unter Schock und wurde schwer traumatisiert.
An die ersten 6 Wochen im Krankenhaus hat Frau P. keine Erinnerungen. Sie soll während der Nacht im Krankenbett „getobt“ haben und berichtet von späteren Alpträumen zum Unfallgeschehen. Nach 8 Wochen erfuhr sie dann auf eigenes drängen, was mit ihr und den anderen passiert war. Sie selbst hat bis heute keine Erinnerung an den Unfall und konnte den Erzählungen zunächst keinen Glauben schenken.
Nach 6 Monaten verlässt Fr. P. das Krankenhaus. In einem nervenärztlichen Gutachten, noch während des Krankenhausaufenthaltes, wird ausgeführt, dass sie sich „besonders psychisch sehr gut erholt habe und nur noch unter gelegentlichen Schwindelgefühlen und verschlechterten Gedächtnisleistungen leidet“. Der gleiche Gutachter verneinte 3 Jahre später einen ursächlichen Zusammenhang zwischen ihren zunehmenden Kopfschmerzen und dem Unfallereignis.
Frau P. verlor durch das Unfallereignis ihren gesamten Freundeskreis und war nicht mehr in der Lage irgendeine von ihr geliebte Sportart weiter zu betreiben. Sie habe weder über die Geschehnisse weinen können, noch habe sie bei Besuchen auf dem Friedhof Betroffenheit gespürt. Fr. P. beschreibt ihren Zustand als wie „erfroren“. Sie kämpft nach dem Krankenhausaufenthalt zunächst gegen drängende Selbstmordgedanken. Schließlich habe sie eine „zweite Persönlichkeit“ entwickeln müssen. Eine, die stark sein und kämpften musste und eine andere, die sich „ausgeliefert, bevormundet, unverstanden und muterseelenallein fühlte“. Psychotherapeutischen Beistand habe es zu dieser Zeit weder für die Überlebenden noch für die Angehörigen der Verunglückten gegeben. Die Eltern, selbst überfordert, seien dem Thema aus dem Weg gegangen. Frau P. beginnt, dass Geschehen zu verdrängen.
Im Ort wird sie zunehmend als „die Überlebende“ stigmatisiert und isoliert. Sogar von den Eltern der toten besten Freundin wird sie gemieden. Sie erfährt ihr Überleben durch die Umwelt als tiefes Unrecht. Sie entwickelt Schuldgefühle und Unverständnis. Unter der Reaktion der Umwelt habe sie mehr gelitten als unter den Schmerzen. Zunehmend kommt es im Ort zur Spaltung zwischen denen, deren Kinder starben und denen, deren Kinder überlebten. Dazu trug auch die unterschiedliche Verteilung von Spenden und Hilfszahlungen bei. In Folge der Tragödie kommt es zu auffällig gehäuften Sterbefällen und Erkrankungen unter den Betroffenen im Ort.
Zwei Jahre nach dem Unfall wurde, in der Hoffnung auf ein besseres Gangbild, ihre Hüfte versteift und im darauf folgenden Jahr die Metallplatten entfernt. Die Operationen verbesserten zwar etwas ihr Gangbild, eine Schmerzlinderung erbrachten sie nicht. Die seit dem Unfall bestehenden Kopfschmerzen und Gelenkbeschwerden behandelt sie zunächst mit einfachsten Schmerzmitteln. Ihren großen Wunsch, Polizistin zu werden, musste sie nun endgültig „zu Grabe tragen“, wie so viele ihrer Ziele in der Folgezeit.
Dennoch meistert sie ohne Verzögerung ihre Banklehre, heiratet 5 Jahre später ihren jetzigen Ehemann und bekommt drei Kinder.
Beruflich entwickelte Fr. P. einen „besonderen Arbeitseifer“ und engagiert sich neben Beruf, Haus und Muttersein noch in mehreren sozialen Projekten. Oft bis zu 18 Stunden am Tag. Sie habe sich „regelrecht in die Arbeit gestürzt“. 1980 stirb die Mutter 49jährig bei einem Autounfall. Eine Schwester von Frau P. fuhr den Wagen, der von einem auffahrenden PKW in den Gegenverkehr gedrückt wurde. 1982 stirbt der Vater 60jährig an einem Herzinfarkt.
Als zusätzliche Belastungen erlebt Fr. P. den „ständigen Kampf mit der Bundesbahn und den Gutachtern um die Anerkennung ihrer Folgeschäden und der Gewährung von Behandlungen.
1991/92, also zwanzige Jahre nach der Hüftversteifung, erfolgt auf Grund von zunehmenden schmerzbedingten Bewegungseinschränkungen eine ebenfalls mit großer Hoffnung verbundene Hüftumstellung. Auch weitere Eingriffe u.a. am Knie u. zweimalige Metallentfernungen bringen keine Besserung.
Nach diesen Eingriffen entschließt sich Fr. P. sich keinen weiteren ärztlichen Behandlungen mehr „auszuliefern“.
Sie ist innerlich empört und enttäuscht über die ständigen körperlichen Grenzverletzungen durch ärztliche Untersuchungen, Eingriffe und Begutachtungen. Es habe sich bei ihr eine „extreme Angst“ vor Krankenhäuser, Spritzen und alles was Scherzen macht aufgebaut. Ihre alltäglichen Unternehmungen werden von einer tief sitzenden, fast panischen Angst „sich verletzen zu können“ begleitet.
Der zunehmende berufliche und private Eifer wird begleitet von sich ständig verstärkenden Schmerzen, die sie auf Folgeerkrankungen (u.a. Arthrose in mehreren Gelenken) zurückführt.
Aus der Angst heraus, die durch die Schmerzzustände verursachten Leistungs- und Lebenseinschränkungen könnten sich bis zu einer Rollstuhlpflichtigkeit verschlimmern unternimmt sie weitere medizinische Abklärungen und Behandlungsversuche in renommierten Kliniken. Von der Überzeugung getrieben - „wenn es dem Körper besser geht, geht es auch meiner Seele besser“ - ist sie sogar zu weiteren Operationen bereit.
2003 bricht ihre psychische Selbstbeherrschung zusammen. Aus dem Erleben heraus, eine Behinderte zu sein, der man nicht mehr helfen kann, ein Mensch zu sein, der hilflos mit ansehen muss, wie seine Leistungs- und Lebensmotivation schwindet, kommt es zu massiven suizidalen Gedanken. Sie beginnt ihren Ehemann und ihren Kindern anzudeuten, dass sie sich ein solches Leben nicht weiter vorstellen kann. Innerlich habe sie schon begonnen sich von ihrer Familie zu verabschieden. Dann erfährt sie, dass ihr 20 jähriger Sohn Vater wird. Daraufhin entscheidet sie sich „weiter zu kämpfen“ - „kann doch jetzt nicht abhauen“. Sie begibt sie sich erstmalig in eine ambulante psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung an einem Fachkrankenhaus.
Eine Begutachtung durch ein Institut für Psychotraumatologie bestätigt eine rezidivierende depressive Störung, eine posttraumatische Belastungsstörung und ein chronisches Schmerzsyndrom im Sinne einer Fibromyalgie durch statische und dynamische Fehlhaltungen.
Ihr ärztlicher Psychotherapeut schrieb, „dass Frau P. über all die Jahre bemüht gewesen sei, mit außerordentlich großer Disziplin und unter ständiger Anspannung Gefühlszustände von Traurigkeit, Angst, Verzweiflung und Wut zu unterdrücken und zu kanalisieren und dass diese Seite der unterdrückten Affekte nun immer häufiger in das Alltagsleben hineindrängen und sich in der bisher gewohnten Weise nicht mehr kontrollieren lassen“.
Die psychotherapeutischen Gespräche hatten „nur“ einen überwiegend stützenden Charakter. Eine Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit mit Förderung des emotionalen Ausdrucks konnte Frau P. nicht zulassen. Sie habe, trotz mehrerer Versuche des Psychotherapeuten, „standgehalten“.
2004 erhält sie im Rahmen eines MdE-Verschlimmerungsantrags von einem „neurologisch-psychiatrischen“ Gutachter gesagt, dass er „keine Hinweise auf eine posttraumatische Belastungsstörung finden kann“. Aus seiner Sicht handelt es sich lediglich um eine Anpassungsstörung als Folge der körperlichen Behinderung und ihrer Schmerzen. Seine Bewertung ergab sich u.a. aus der Tatsache, dass „Frau P. ja in der Lage war, das Unfallereignis distanziert zu beschreiben“.
Im gleichen Jahr wird ihr nach langer Wartezeit, die sie als kränkend erlebt, in einer bekannten Schmerzklinik „ nur „der Vorschlag gemacht, sich auf ein einfaches Schmerzmittel zu beschränken, was sie empört ablehnt.
Der Hausarzt von Frau P. zeigt sich ebenso empört über die bisher mangelnde schmerztherapeutische Behandlung seiner Patientin und setzte sich 2005 dafür ein, dass sie erneut einer Fachabteilung für „Spezielle Schmerztherapie“ vorgestellt wird, die ihr erstmalig ein Morphin verschreibt. Obwohl sie Medikamente zu „hassen“ gelernt hat, erhofft sie sich eine Linderung, die auch tatsächlich ein ¼ Jahr anhält. Enttäuscht stellt sie fest, dass sie auch unter einer Morphinmedikation keine grundsätzliche Schmerzfreiheit erreicht, obwohl die Tages-Dosis im Laufe der Zeit versechsfacht wurde.
Aus der Sicht von Schmerzfachexperten wird folgender Status diagnostiziert:
„Im Verlauf der Schmerzerkrankung ist eine Ausbreitung der chronischen Schmerzen auf verschiedene Körperregionen erfolgt, der Grundschmerz ist dauernd vorhandenes mit sehr belastenden Schmerzspitzen, nach VAS liegt die durchschnittliche Schmerzstärke bei 8, die geringste Stärke bei 5, psychische Einflussfaktoren auf die Stärke der Schmerzen werden von Frau P. verneint, es besteht ein Chronifizierungsgrad III nach Gerbershagen. Sekundär zeigt sich eine deutliche Schmerzverarbeitungsstörung und eine depressive Symptomatik auf dem Boden einer Traumatisierung“.
Ihre psychische und physische Verfassung verschlechtert sich zunehmend, auch durch die Veränderungen der beginnenden Wechseljahre.
2005 soll sie erstmalig ein 3wöchiges Heilverfahren gewährt bekommen, das ein chirurgisches, orthopädisches und psychotherapeutisches Behandlungskonzept anbieten kann. Zugewiesen wird sie von der BG der unfallchirurgischen Abteilung einer Reha-Klinik. Sie bekommt die üblichen physikalischen Behandlungsbausteine. Zusätzlich wurde sie einem Psychologen und einer Fachärztin für „Spezielle Schmerztherapie“ und „Psychosomatische Medizin“ konsiliarisch vorgestellt. Entgegen ihrem Wunsch, aber aus Sorge um mögliche negative Konsequenzen, stimmt sie diesen Gesprächsterminen zu. Frau P. ging davon aus, dass sie ja nur wegen ihrer Schmerzen da sei und die wenigen Gespräche sowieso keinen nutzen hätten. Die Gespräche beschränkten sich schließlich auf jeweils eine Sitzung. Die Fachärztin regte aber an, Frau P. an der Schmerzbewältigungsgruppe der „Orthopädischen Psychosomatik“ teilnehmen zu lassen. Auch dieser Maßnahme stimmte sie nur vordergründig zu. Was sie während der Teilnahme gelernt oder empfunden hatte offenbarte sie damals noch nicht, auch nicht, nachdem sie 2006, dieses Mal auf eigenen Wunsch, die gleiche Schmerzbewältigungsgruppe erneut besuchte.
2008, während einer wiederholten Reha-Maßnahme in der gleichen Klinik, sprach sie den „psychologischen Schmerztherapeuten“ der damaligen Gruppe an und wünschte eine Unterredung. Dabei berichtete sie dann von ihren 2005 und 2006 gemachten Erfahrungen in der Schmerz-Gruppe und den danach erlebten Veränderung in ihr und in ihrem Leben:
„In der ersten Stunde der „Schmerz-Info-Gruppe“ zum Thema Körper, Geist und Seele dachte ich zuerst, was erzählt er da. Mir geht es schlecht, weil ich Schmerzen habe. Da aber in 33 Jahren nichts geholfen hatte und ich immer tiefer ins Loch zu fallen drohte, versuchte ich genauer zuzuhören und stellte fest, „Sie reden mir von der Seele. Ich konnte es nicht glauben, aber es stimmte jeder Punkt, den sie uns vermittelten. In der Vergangenheit wurden von den behandelnden Ärzten immer mal wieder psychologische Zusammenhänge behauptet, aber ich habe sie einfach nicht nachvollziehen können“.
Sie habe durch die Teilnahme an der Schmerz-Info-Gruppe „einen tiefen Anstoß bekommen“, jetzt etwas in ihrem Leben zu ändern. Zunächst habe sie sich Ende 2006 zu einem Morphinentzug entschloss. Diese Entzugsbehandlung sei die „reinste Hölle“ gewesen. Es ging nicht von jetzt auf gleich. In den darauf folgenden 2 Jahren habe sie tief greifende Veränderungen durchgemacht. Sie sei „vom ich muss, zum ich will gekommen“; sie habe ihr „verlorenes Ich wieder gefunden“. Heute kann ich „nein sagen“, habe gelernt meinen Körper und meine Behinderung zu akzeptieren. Ich gehe heute mit Ruhe, Entspannung, positiven Gedanken und Reha-Sport mit meinen Schmerzen um. Beruflich habe ich die Arbeit auf 3,5 Std. pro Tag reduziert, habe die Leitung der Abteilung abgegeben und mache in meiner Freizeit häufiger Dinge, die mir Ruhe und Entspannung geben.
Seit 2006 nimmt Frau P. keinerlei Schmerzmittel mehr. Ihre „innere Unruhe“ dämpft sie noch mit einem Psychopharmakon. Sie ist mit einer MdE von 50% und einer GdB von 80% durchgehend arbeitsfähig, bei einer Leistungsfähigkeit von 3 bis 6 Stunden.
Sie frage sich nun immer öfters, inwieweit sich das „verdrängte Geschehen“ noch negativ in ihr auswirke. Sie habe mit dem ärztlichen Psychotherapeuten am Heimatort nur die damalige allgemeine Lebenssituation besprochen. Bisher habe sie niemanden an den Gefühlen der damalige Zeit teilhaben lassen, weil ich es „allein schaffen wollte und Angst vor dem habe, was dann hoch kommt“.
Im Sept. 2009 ruft sie den Schmerzpsychologen der Reha-Klinik an und berichtet, dass sie sich erstmalig vorstellen könnte, sich für ein psychosomatisches Heilverfahren und einen aufdeckenden Ansatz zu öffnen und bat um einen Terminvorschlag. 2010 erfolgt der vierwöchige Aufenthalt. Während dieser Zeit wurden die Psychopharmaka ganz ausgeschlichen, Ihre Ängste vor einer „seelischen Öffnung“ vermindert und eine „trauma-therapeutische Behandlung“ eingeleitet und am Heimatort vermittelt. 2011, nach ca. 25 Einzelsitzungen berichtete sie, dass es ihr gesundheitlich „rosig“ ginge. Durch die Psychotherapie habe sie jetzt ihre Panik vor dem Autofahren im Winter und ärztlichen Untersuchungen überwunden, könne auch mit den Ängste um das Wohl ihrer Kinder besser umgehen und habe ohne jegliche medikamentöse Hilfe lange schmerzfreie Zeiten, weil sie sich weniger „innerlich“ anspannen würde.
Autor: Hans-Günter Nobis
Herr G. hatte sich wegen langjährig bestehender Rückenschmerzen in einer Schmerztagesklinik angemeldet und war für eine Schmerztherapiegruppe "Rückenschmerz" akzeptiert worden, die mit acht Teilnehmern über vier Wochen stattfindet. Zwei Wochen vor Beginn meldete sich Herr G. per E-Mail: "Sehr geehrte Damen und Herren, meine Teilnahme an der Therapiegruppe möchte ich absagen. Ich bin vor 3 Wochen im Urlaub von einem Stuhl gefallen und habe mich sehr unsanft auf dem Boden wiedergefunden. Seitdem habe ich allerdings erstmal seit langen Jahren keine Rückenschmerzen mehr. Mit freundlichen Grüßen"
Autor: Paul Nilges